Norbert Bayer | 白宁瑞

Dominique Busch: Minimania

MINIMANIA

von Dominique Busch, Netherlands Media Art Institute, Montevideo/ Time Based Arts
(2001)

do it yourself

Das erste Geschenk, das ich von Norbert bekommen habe, ist ein mit einem Pferdekopf besticktes Kissen. “Was ist daran schon besonders erwähnenswert?” mag man sich jetzt fragen. Nun, das besondere an diesem Geschenk ist, dass Norbert dieses unter hobbytechnischen Gesichtspunkten doch recht anspruchsvolle Motiv eigenhändig auf das Kissen appliziert hat. Damals war der ambitionierte Textilliebhaber gerade mal elf Jahre alt. Ich schreibe das an dieser Stelle, weil seine frühe Liebe zu solider Handarbeit im Kontext der Hobbykunst bis heute nicht erloschen ist, nur dass er seit einiger Zeit dem Rohstoff Plastik bei seinen Arbeiten den Vorzug gewährt, und damit einer etwas in Vergessenheit geratenen Kunsttechnik, dem Mosaik, zu einer unerwarteten Renaissance verholfen hat. Norbert Bayer bezieht die Bausteine für seine zeitgemässen Mosaiken aus dem Hause Ministeck, einer Firma, die seit den sechziger Jahren kleine bunte Plastiksteinchen produziert, die anhand von Motivorlagen in Steckplatten eingefügt werden. Der Kunde kann zwischen den Klassikern, wie etwa Segelschiffen oder seinen favorisierten Säugetieren wählen, oder aber auf den ausgetretenen Pfaden der Kunstgeschichte wandeln, und sich die Mona Lisa als Set zum zusammenstecken nach Hause liefern lassen.

Jeder Mensch ein Künstler

Auch bei Ministeck handelt es sich eindeutig um eine Strategie der “Do it yourself” und “Jeder Mensch ein Künstler” Propheten der 70er Jahre. Im Zuge der Demokratisierung sollte in eben dieser Zeit die künstlerische Selbstverwirklichung zu einem gesellschaftlichen Gemeinplatz werden.
Wenn man sich die verschiedenen Hobbykunst – Spielarten wie etwa Malen nach Zahlen, Sticken nach Motivvorlage oder eben Ministeck anschaut, dann stellt man jedoch ziemlich schnell fest, dass es hier nicht darum geht, die Kreativität der Hobbykünstler zu entfesseln, sondern die Leute brav einer Vorlage folgen zu lassen, um sie am Ende mit einer mehr oder weniger gelungenen Kopie für ihre Geduld und Ausdauer zu belohnen. Im Grunde sind diese hobbykünstlerischen Aktivitäten mit einer homöopatischen Dosis kreativer Selbstverwirklichung nichts weiter als eine Art ABM – Massnahme zur Bewältigung der in unserer Gesellschaft in immer grösserem Masse zur Verfügung stehenden freien Zeit. Nachahmung und nicht Schöpfung ist in der Regel das oberste Prinzip der Hobbykunst, die damit diametral dem gegenübersteht, was man gemeinhin als Kunst bezeichnet: das Originäre, Authentische, Schöpferische. Und, last but not least: das NEUE.

Minimania

Nun drängt sich natürlich langsam die Frage auf, was einen quicklebendigen 25-jährigen Kunststudenten dazu verleitet, in tage- ja wochenlanger Heimarbeit eben diese kleinen Plastiksteinchen neben, unter und übereinanderzustecken, was letztendlich darin eskalierte, dass der Künstler nach der Fertigstellung des Minsteck-Monumentaltafelbildes splashspleen mit einem T-shirt auftauchte, auf dem in grossen Lettern der nüchtern konstatierende Schriftzug “isolation disorder” prangte. Angefangen hat die Ministeckmanie 1998. Damals begann Norbert auf Flohmärkten und in Inseraten nach Leuten zu fahnden, die irgendwo noch ein Ministeckbild im Keller stehen hatten, denn zu diesem Zeitpunkt war Ministeck nicht mehr und noch nicht wieder im Handel erhältlich. Norberts’ Faible für veraltete Techniken schlug nach eigenen Angaben wieder durch – “Wieviel Saft konnte man noch aus einer ausgepressten Zitrone quetschen?”. Zu Hause fing er damit an, die aufgekauften Bilder zu demontieren und die Steinchen nach Farben zu sortieren.

analog eats digital

Etwa zur gleichen Zeit hatte sich Norbert einen Mac gekauft und verbrachte nun viele Stunden vor dem Bildschirm. Als er auf screenshots von C 64 Spielen stiess, war ihm plötzlich klar, was das Motiv der ersten Ministeck – Arbeiten sein sollte: Computerbilder. Sowohl bei Ministeck als auch bei den C 64 Spielen handelt es sich um veraltete Technologien, deren visuelle Grundlage die Pixelstruktur ist, beim einen digital, beim anderen analog.

www.hysteria.de

Mittlerweile war auch das Magazin Hysteria, das Bayer zu Beginn seines Studiums der visuellen Kommunikation an der Kunsthochschule Kassel konzipiert und herausgegeben hatte, nicht mehr als Printausgabe erhältlich, sondern unter www.hysteria.de im Internet zu finden. Das nächste Ministeck-Projekt miniNT-analog eats digital (www.hysteria.de/miniNT) wurde auf der Hysteria website präsentiert, wobei es sich hier um ein call-for -entries Konzept handelte, bei dem die Teilnehmer ihre Motive z.B. als Zeichnung oder digitale Bilddatei einreichen konnten. Diese Motive wurden dann vom Künstler ins digitale Format der Icons zum Herunterladen von der website und ins analoge Format der Ministeckbilder übertragen. Der Künstler tritt hier als Initiator kreativer Prozesse auf, für den die Kommunikation und Zusammenarbeit mit anderen Menschen im Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens steht: “Erst im Kontakt mit den Menschen, die die Bilder produzieren, entfaltet die Arbeit ihren wirklichen Charakter, nämlich den der Kommunikation und Vernetzung unterschiedlicher Persönlichkeiten”.

Splashspleen

Im Herbst ’99 präsentierte Norbert bei der parallel zum Kasseler Video- und Dokumentarfilmfest stattfindenden Ausstellung “Monitoring” in Kassel ein grossformatiges Ministeckbild mit dem Titel splashspleen. Bei der Motivvorlage zu diesem Bild handelt es sich um das splashscreen, d.h. das Bild, das beim Starten des Computerprogramms Photoshop 5.0 für wenige Sekunden auf dem Monitor erscheint. (splashscreen Photoshop) Das Programm Photoshop hat die Bildbearbeitung in den letzten 10 Jahren für professionelle als auch private Anwender enorm vereinfacht und beschleunigt. Indem Bayer das splashscreen aus dem digitalen in’s analoge Format überträgt, setzt er sich mit den Bedingungen der digitalen und analogen Bildproduktion auseinander. Während Photoshop eine schnelle und perfekte Bildbearbeitung ermöglicht, dauerte es insgesamt 4 Wochen, bis der Künstler mit insgesamt 60512 Plastiksteinchen das 203 cm auf 50 cm grosse grobpixelige Bild splashspleen fertiggestellt hatte.

Gehen sie neue Wege mit Ministeck!

Mit diesem Slogan wirbt die Firma Ministeck auf ihrer website (www.ministeck.com) für ihre Produkte, und Norbert Bayer hat sich diese Firmenphilosophie in den letzten Jahren zu eigen gemacht. Bayer bedient sich zwar der Ministeck-Technik, doch seine Themen und Motive entnimmt er keinen Vorlagemustern, wie dies sonst bei Ministeckern üblich ist, sondern seinen eigenen Vorstellungen und Ideen, was ihn vom gemeinen Hobbykünstler abhebt.




weitere Informationen über Norbert Bayer in deutsch:

Einführung

Nadja Smeralda:
Permettez!

Fabrizio Bianchi:
Modern Mosaics

Dr. Christoph Bieber:
Press Pixel to Play

Prof. Dr. Ursula Panhans-Bühler:
Rohes oder Gekochtes: der pixel turn des Mr. Ministeck