Norbert Bayer | 白宁瑞

Dr. Christoph Bieber: Press Pixel To Play – Interaktive Grenzgänge mit Mister Ministeck

Press Pixel To Play:
Interaktive Grenzgänge mit Mister Ministeck

von Dr. Christoph Bieber, Zentrum für Medien und Interaktivität Giessen
(2003)

Unter dem Titel “Press Pixel to Play” präsentiert der Berliner Künstler Norbert Bayer alias Mister Ministeck im Rahmen der Konferenz “Grenzen der Interaktivität” eine Sammlung interaktiver Grenzgänge. Bayer kombiniert dazu “Ministeck-Mosaike”, die ausgewählte Szenen aus C64-Computerspielen zeigen, mit “Water Games” der Firma Tomy.

Im kunstvollen Dialog begegnen sich dabei gleich mehrere Relikte aus der Zeit, als “Spielzeug” noch nicht notwendiger Weise mit dem Stromnetz oder dem Internet verbunden sein musste. Die Installationen balancieren an den Schnittstellen zwischen analog und digital und führen spielerisch zu den Grundbegriffen und Grenzen von Interaktivität: die Ministeck-Bilder verwahren wertvolle Momente der sonst so hektischen Computer- und Videospielgeschichte im handgreiflichen Plastikbett. Die “Water Games” erweitern zunächst die flachen Grafiken in die vertikale, zudem verdeutlichen sie das interaktive Element der Arbeiten: der Betrachter bleibt nicht zum Zuschauen verurteilt, sondern hat die Option zum Mitmachen – “Press Pixel to Play”. Für Bayer verschmelzen die beiden Grundbestandteile damit zu einer Einheit: “Die Water Games gehören zu den Bildern dazu, sie sind eine Form der interaktiven Erweiterung”.

BildWährend die heute immer leistungsfähigeren Grafikmaschinen alles daran setzen, den “Pixel”, das Grundelement der digitalen Bilddarstellung, verschwinden zu lassen, erscheinen in Bayers Ministecks die Konturen der Grafik-Elemente überdeutlich. Protagonisten der Computerspiel-Klassiker wie “Mario”, “Kong” oder “Pac Man” erhalten so eine wohl verdiente Atempause. In Serien wie “Analogue eats Digital” werden die digitalen Haupt- und Nebendarsteller zudem ihrem natürlichen Umfeld entrissen – und siehe da: weder ein zitronengelber “Pac Man”, noch ein latzhosentragender “Mario” wirkt lächerlich, sondern untermauert vielmehr seinen Ruf als “Ikone der Computerspielwelt”.

Doch ist “Mister Ministeck” kein verträumter Verklärer der guten, alten Videospielidylle – seine “Touch-Screens”, die Szenenausschnitte diverser Computerspiele der C64-Ära abbilden, können auch die schon damals vorhandene Brutalität offen legen. Mit diesem Format könnte Norbert Bayer ein Genre gefunden haben, das dem der “Film Stills” einer Cindy Sherman nicht unähnlich ist: zwar bilden die Mosaike konkrete Motive aus den Spielen ab, doch ihre analoge Erscheinungsform als still stehendes Einzelbild entwickelt eine eigene Ausstrahlung und bringt Details zum Vorschein, die dem eiligen Spieler, der exakt dieses Bild schon tausendfach vor Augen hatte, niemals auffallen könnten.

BildHighlight der Gießener Ausstellung ist das zweiteilige Großformat “Do-It-Yourself”, das zwei Szenen aus dem Text-Bild-Adventure “Maniac Mansion” von 1987 aufgreift. Bei der damaligen Veröffentlichung war die Ð allerdings noch recht junge Ð Computerspiel-Kritik geradezu hingerissen von einem Programm, “das von vorne bis hinten wie ein Kino-Streifen gemacht ist” (!). Als eines der ersten Computerspiele war die Spielhandlung von “Maniac Mansion” durchgängig mit filmähnlichen Sequenzen versetzt und von Vor- und Abspann eingerahmt. Auch wenn die Schnitt-/Gegenschnitt-Szenen noch äußerst holprig wirkten, waren hier die Vorboten einer “erzählenden Spieleprogrammierung” zu erkennen.

BildDie beiden grafisch zunächst etwas sperrig wirkenden “Game Stills” illustrieren das Tagungsmotto “Grenzen der Interaktivität” auf eindrucksvolle Weise: im Motiv “I Can’t Use That” bleibt dem Alter Ego des Spielers die Benutzung eines Pinsels versagt – im Handlungs-Portfolio der Spieledesigner war diese Option im konkreten Spielmoment nicht vorgesehen. Vor dieser “Grenze der Interaktivität” stehen Computer- oder Internet-Nutzer heute allzu oft: sei es bei der täglichen Arbeit auf dem eigenen Desktop (“Diese Aktion ist zur Zeit nicht möglich”) oder beim Surfen in Netz und Netzwerk (“Keine Zugriffsberechtigung”). Das Motiv “There’s no power” nimmt in einer Spielhallen-Szenerie einen aktuellen Trend des vernetzten Lebens vorweg: manche Inhalte sind eben nur nach vorheriger Einzahlung zugänglich – viele Nutzer möchten gerne “interaktiv” werden, doch das digitale Kassenhäuschen bildet für viele eine Markierung, die nicht überwunden werden kann oder will.

Die “interaktiven Grenzgänge” des Mister Ministeck ergänzen somit den Inhalt der Gießener Konferenz auf kongeniale Weise. Während in den vier Themenforen die Dimensionen von Interaktivität verhandelt und diskutiert werden, stellen die Exponate der Ausstellung “Press Pixel to Play” eben diese Dimensionen zur Schau: Plastik-Pixel und Wasserspiele dokumentieren auf der Hardware-Ebene den Bereich “Technik”, die Kombination optischer und haptischer Wahrnehmungsmöglichkeiten ein typisches “Verfahren” zur Überbrückung von Mediengrenzen. Das Spiel mit Bildern aus dem Universum der Computerspiele markiert die Dimension “Inhalt”, während die Gestaltungsoptionen von Künstler und Betrachter schließlich den “Nutzer” in den Vordergrund rücken.

Der unterschwellig nostalgische Ton der Ausstellung verweist – geradezu nebenbei – auf ein nur selten beachtetes Merkmal “interaktiver Medien”: keineswegs müssen technisch hoch innovative Medienwelten generiert werden, um Kommunikation interaktiv zu gestalten. Den Kern von Interaktivität können auch solche Kommunikations-Arrangements in sich tragen, die die wesentlichen Merkmale von Interaktivität realisieren. Ganz gleich, ob als Plastik oder als Pixel.




weitere Informationen über Norbert Bayer in deutsch:

Einführung

Nadja Smeralda:
Permettez!

Fabrizio Bianchi:
Modern Mosaics

Prof. Dr. Ursula Panhans-Bühler:
Rohes oder Gekochtes: der pixel turn des Mr. Ministeck

Dominique Busch:
Minimania