Norbert Bayer | 白宁瑞

Nadja Smeralda: Permettez!

Permettez!

von Nadja Smeralda
(2005)

Norbert Bayers neueste Arbeiten, die er im Rahmen seiner Abschlußausstellung an der Kunsthochschule Kassel zeigt, dürften für den eingefleischten “Mister Ministeck”-Liebhaber auf den ersten Blick etwas befremdlich wirken. Bayer tourte bisher mit analogen, materiell verpixelten Versionen von immateriellem Bildmaterial, zumeist Screenshots von mittlerweile klassischen Computerspielen, durch Europa und auf Einladung des Goethe-Instituts 2004 auch nach Israel.

Diesmal zeigt Bayer sich von einer anderen Seite, um nicht zu sagen: diesmal zeigt er sich zum ersten Mal und macht sich selbst zum Thema seiner Bilder.

“A bonne mère, suie chaude”, Ministeck, Durchmesser ca 1m

Auftakt der Ausstellung bildet ein Selbstportrait das Bayer in seiner Kindheit Anfang der 80er Jahre zeigt: in ein Korsett aus Latzhose und selbstgestricktem Rollkragenpullover gezwängt, mit offenem Mund und weggetretenem Blick. Wie durch ein Fernrohr in die Vergangenheit gibt er uns mit dem Tondo ein Abbild seiner Kindheit. Dem Rundbild gegenüber hängt ein runder Vergrößerungsspiegel mit der Aufschrift “A bonne mère, suie chaude”. Dies ist ein surrealistisches Sprichwort, das wörtlich übersetzt “Der guten Mutter heißen Ruß machen” und übertragen etwa “Gute Miene zum bösen Spiel” bedeutet.
Mit der Schere der Bedeutungen der Übersetzungen sind die Inhalte der neuen Werke bereits umschrieben: der kindliche Narzissmus, wie ihn Miller in ihrem Klassiker der 70er-Jahre Populärpsychologie “Das Drama des begabten Kindes” beschreibt: das “begabte” – soll heißen sensible – Kind, erspürt die Bedürfnisse der Mutter, die es als Objekt zur Stabilisierung ihres Egos und zur Verwirklichung ihrer Ziele stilisiert, und verhindert den zur Bildung der Gefühlsfähigkeit nötigen kindlichen Narzismus. Das Kind erfüllt die Wünsche seiner Mutter, verdrängt aber sein eigenes Begehren und flüchtet sich in die Isolation und damit in eine rettende Traumwelt.

Man darf vermuten, daß Bayer auf den Druck einer Institution wie die einer Kunsthochschule ähnlich reagierte und sich deshalb ein bisher unbesetztes Medium wählte, in dem er frei und unbelastet seine Ideen verwirklichen konnte: bezeichnenderweise ein Kreativitätsspiel für Kinder, nämlich Ministeck. Es wurde in den 60er Jahren entwickelt und hatte seine Blütezeit in den 70ern und 80ern, der Zeit der von New Age und Selbstverwirklichung durch Do-It-Yourself. In dieser Zeit wird auch die Wichtigkeit der Traumwelt in der Esoterikliteratur wiederentdeckt: Ratgeber wie “Kreativ Träumen – erschließen Sie den Reichtum ihrer schöpferischen Kräfte” versprechen die Erschließung von inneren schöpferischen Kräften und die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit.

Das begabte, sensible Kind schwankt zwischen Genialität und Depression. Die Kindheit wird so zu einer Mischung aus äußerem Glück und innerem Wahnsinn, der hier in den Arbeiten durch das Symbol des Fliegenpilzes repräsentiert wird. Der Fliegenpilz ist eines der beliebtesten Glückssymbole, man findet ihn auf zahlreichen Glückwunschkarten und auch auf zahlreichen Illustrationen in Märchenbüchern. Dem gegenüber steht die Verwendung des Fliegenpilzes als Rauschmittel – seit Jahrtausenden sammeln ihn die sibirischen Schamanen wegen seiner ekstase-auslösenden Eigenschaft. Der Fliegenpilz gilt den sibirischen Völkern als das materiell gewordene göttliche Fleisch, die den Konsumenten mit der spirituellen Welt verschmelzen läßt.
“Bambiland”, Ministeck, Durchmesser ca 80 cm

Ob der Fliegenpilz bei Tieren ähnlich berauschend wirkt, ist nicht bekannt. Man hat beobachtet, daß er zu den bevorzugten Nahrungsmitteln der Rentiere zählt, auf diese aber keine besonderen Auswirkungen zu haben scheint. So ist das in der Ausstellung zu findende Bambi, das nach dem Verlust seiner Mutter unbekümmert und frei über die Wiesen tollt, immun gegen den Wahnsinn des Fliegenpilzes aus der Kindheit.

Verdichtet wird die Dichotomie des Fliegenpilzsymbols in dem Textbild “IN BOCCA AL LUPO!” (italienisch für “Viel Glück”, wörtlich “In den Mund des Wolfes!”), das sich sobald sich der Ausstellungsraum verdunkelt in das fluoreszierende Anagram “INCUBO? PLACALO!” (italienisch “Albtraum? – Besänftige ihn!”) verwandelt. Die Spannung zwischen diesen beiden Aussagen wird wohl oder übel auch auf den nun an einer Kunsthochschule examinierten Bayer zukommen. In der Kunstwelt entsteht sie durch den Widerspruch der so oft zitierten “Freiheit der KunstÓ auf der einen und dem Künstleralltag zwischen fordernden Ausstellungsmachern und effektgeiler Presse auf der anderen Seite. So scheint sich Bayer mit dieser Arbeit selbst Mut zuzusprechen.

“Große Vögel schlagen schmale Schatten”, C-Print, Durchmesser 1m

Die Welt des Traums durchdringt auch die Serie “Große Vögel schlagen schmale Schatten” – ebenfalls ein surrealistisches Sprichwort. Wir sehen drei Bilder aus Bayers Kindheit, bei der der Künstler mit Altersgenossen zu sehen ist: beim Kinderfasching als Prinzessin verkleidet tanzt er den Genderboogie mit seiner Freundin Suzy Sucic, die hier im Gewand des Fliegenpilzes zu sehen ist, versucht beim Wurstschnappen im Kreise seiner Cousinen die immer zu hoch hängende Wurst zu ergattern, bis die das Seil haltende Hand ihm nach verzehrender Quälerei den finalen Biß erlaubt und auf dem letzten Bild wird er von einem weiblichen Wesen getröstet, wobei unklar bleibt, ob sie ihm den Trost überhaupt wird geben können. Die Fotos aus Bayers Kinderfotoalbum durchwirkt Bayer mit einer Ebene aus Vogelschwärmen jeweils einer Vogelart. Die Vögel sind im Gegensatz zu den Fotos pixelig scharf konturiert und scheinen völlig ungeniert durch die sie umgebende Szenerie zu fliegen. Sich aus dem Unterbewußten und Irrationalen erhebend erscheinen sie wirklicher als die vernunftgetrübte Realität.

Den Schluß der Ausstellung bildet ein Screenshot in Ministeck aus dem Computerspiel Super Mario. Es ist die Schlußszene aus dem Film, der abläuft, wenn der Spieler erfolgreich alle Level durchlaufen hat: Super Mario empfängt sodann von der Prinzessin Peach Toadstool einen Orden und zwinkert dem Gewinner zu. Daneben hat Bayer eine rote Leinwand plaziert, auf der in kontrastierendem und die Augen quälendem Neongrün “Permettez!” (“Nehmen Sie’s mir nicht übel!”) zu lesen ist.

Fast so, als wolle er sich mit der Realität trotz seines skeptischen Eskapismus’ versöhnen – oder uns einfach den obsoleten Stinkefinger ersparen.




weitere Informationen über Norbert Bayer in deutsch:

Einführung

Fabrizio Bianchi:
Modern Mosaics

Dr. Christoph Bieber:
Press Pixel to Play

Prof. Dr. Ursula Panhans-Bühler:
Rohes oder Gekochtes: der pixel turn des Mr. Ministeck

Dominique Busch:
Minimania